plakat
Geschichte
Sounds No Walls Jazz & Jewish Culture beleuchtet unterschiedliche Facetten jazzmusikalischen Schaffens mit jüdischen Identitäten im Spannungsfeld von Tradition und Innovation. Vor dem Hintergrund weltweiter Austauschprozesse fokussiert das Festival aktuelle jüdische Kultur im Schnittbereich von Jazz, improvisierter Musik und Performance mit den geographischen Koordinaten New York, Berlin und Tel Aviv. Die Konzerte korrespondieren mit der Sonderausstellung des Jüdischen Museums Berlin zur "Radical Jewish Culture", verzweigen sich aber in eine weiter gespannte Thematik, indem neben Protagonisten dieser Bewegung wie David Krakauer oder Shelley Hirsch auch Musiker und Musikerinnen vorgestellt werden, die sich nicht eindeutig einer Richtung zuordnen lassen. Überdies kommen mit Avishai Cohen, Anat Fort und Zohar Fresco auch Akteure der zeitgenössischen israelischen Jazzszene auf die Bühne.

Mit der Diaspora als einer historisch prägenden Erfahrung unter den Vorzeichen einer sich aktuell global verzweigenden Kultur, die sich vielerorts mit anderen Einflüssen vermischt hat, kann es kaum eine einheitliche Identität, wohl aber mit Substantiellem in Verbindung stehende Identitäten geben. Verbindendes entsteht in jeweils unterschiedlicher Aneignung von Kultur, Geschichte und Religion, gemeinschaftlicher Erfahrung, Erinnerung, Haltung. Gerade an letzterem, an Fragen der Haltung und Gesinnung, knüpfen die von der "Radical Jewish Culture" ausgelösten Diskurse an. Wenn sich Musik nicht über das Material (Klezmer, Synagogalmusik, jiddisches Theater, Volkslied, mediterrane Musiktraditionen) als jüdisch definieren kann oder will, gibt es noch eine andere Ebene: die der Selbstreflexion, der Selbstbefragung und der Infragestellung der Umgebung aus der Erfahrung, die für viele der einer Außenseiterposition gleicht. In diesem Sinne definiert John Zorn jüdische Kultur als radikal, während sie Elliott Sharp in erster Linie an der kritischen, einschließlich der selbstkritischen Haltung festmacht.

Jazz, entstanden als Verschmelzung von afroamerikanischen und euroamerikanischen Einflüssen, war – vor allem durch Einwanderer aus Europa – stets auch eine starke jüdische Komponente eigen. Das Band der Generationen reicht von Mezz Mezzrow über Artie Shaw, Benny Goodman, Woody Herman, zahllosen Broadway-Komponisten, Dave Brubeck, Al Cohn, Lee Konitz und Steve Lacy bis zu den führenden Musikern der New Yorker Downtown-Szene. Während sich Prominente des Jazz wie Benny Goodman überwiegend an die jazzmusikalischen Normen ihrer Zeit anpassten und mit ihrer jüdischen Identität zurückhielten, begann mit dem Kreis um John Zorn Anfang der neunziger Jahre eine neue Auseinandersetzung mit der Frage, was Jewishness in der Musik zu bedeuten habe und wie es zum Ausdruck kommen könne.

Der Begriff "Radical Jewish Culture" tauchte erstmals im Zusammenhang mit dem von John Zorn konzipierten Festival und der Aufführung seines Werkes "Kristallnacht" beim Art-Projekt 1992 in München auf. Hintergrund war einmal eine neu aufflackernde Fremdenfeindlichkeit in Deutschland und Osteuropa, zum anderen die Auseinandersetzung einer Generation von Nachfahren der Holocaust-Überlebenden mit ihrer Position als jüdische Künstler in Geschichte und Gegenwart. Radikal meinte Besinnung auf die Wurzeln, aber zugleich auch Bruch mit der Überlieferung.
Während die landläufige Vorstellung von jüdischer Musik seit den sechziger Jahren weltweit vom Klezmer-Revival geprägt worden war, fühlten sich Wortführer der "Radical Jewish Culture" vor allem dem Innovationspotential der Avantgarde verpflichtet. Radikal bedeutete in diesem Zusammenhang sowohl Abkehr von der Kultur des Mainstreams als auch von einer nostalgisch eingefärbten Vorstellung. Andere Künstler, wie David Krakauer, entdeckten gerade im Klezmer eine Musik, die Identität über Tradition vermittelte und die sich zugleich aktuell weiterentwickeln ließ. Von welcher Seite aus man es auch immer betrachtet: jüdische Musik entspringt einem Melting Pot und repräsentiert mit den Identitäten zugleich Patchwork-Kulturen.

Das Festival Jazz & Jewish Culture stellt unterschiedliche Ansätze vor: solche, die sich aus dem Geist gegenwärtigen Schaffens auf die Tradition beziehen wie auch vergleichsweise abstrakte Klangsprachen, die das Anliegen eher aus einer Haltung heraus thematisieren. Die aschkenasischen Traditionen einer Klezmer-Musik, die sich mit den Einflüssen der Roma und der Balkan-Folklore vermischte, werden dabei ebenso zum Klingen gebracht wie die sephardischen Traditionen, die europäische und orientalische Mittelmeerkulturen aufgesogen haben. Im Spiel von Anat Fort und Zohar Fresco verschränken sich jüdische und arabische Einflüsse in einer Musik, die keine Grenzen kennt. Und Avishai Cohen, dessen musikalische Themen unüberhörbar in Israel verortet erscheinen, betont zugleich: "Die Musik hat meines Erachtens die Stärke oder die Magie, die größten Konflikte in einen Song zu verwandeln und Gegensätze miteinander leben zu lassen."

"Jewish" wird an den vier Tagen in ein ebenso weit gespanntes Assoziationsfeld versetzt wie das Wort "Jazz", das einer der Musiker des Festivals, Greg Cohen, mit dem Satz umriss: "Wenn man das Wort ‚Jazz' schon verwenden muss, dann sollte es für Möglichkeiten stehen." Gruppen wie "Charms of the Night Sky" präsentieren schließlich so etwas wie eine imaginäre Folklore – Musik, die etwas in unserer Erinnerung und in unserer Wahrnehmung wach ruft, ohne dass es sich an konkretem Tonmaterial festmachen lässt. So auch bezieht sich etwa David Moss in einem assoziativ sehr weit gespannten Sinne auf die Kantoraltradition. Shelley Hirsch webt eine Performance aus der Erinnerung an eine jüdische Kindheit in East New York. Paul Brody, Alan Bern, Michael Rodach wie auch Efrat Alony schöpfen aus den Erfahrungen von Biografien, die in Berlin zusammenlaufen. Burton Greene und Perry Robinson zählten bereits in den sechziger Jahren zur Speerspitze der New Yorker Avantgarde und verbinden nun Free Jazz mit Erinnerung an die Musik des osteuropäischen Schtetl und den jüdischen Traditionen Amsterdams. Don Byron wiederum entdeckt in dem legendären Komiker und Musiker Mickey Katz eine Gestalt, die sich in einer Zeit, in der das in Amerika nicht opportun war, zu einem explizit jüdischen Humor und Eklektizismus bekannte. Zugleich schlägt Don Byron einen Bogen von der jüdischen zur afroamerikanischen Ausdruckswelt, in der der Blues zum Blueprint für gemeinschaftlich erfahrenes Leid wird. Elliott Sharp und Christian Brückner rufen die Shoah in Erinnerung.

Jazz & Jewish Culture richtet sich gegen das Vergessen und zeugt zugleich von der Vielfalt und Vitalität jüdischer Kultur im Jazz der Gegenwart.

Bert Noglik, Künstlerischer Leiter
2013       2011       2010       2009